Der Abstrich ergab nicht das Ergebnis, welches sie sich gewünscht hatte. PAP5 meinte die Ärztin am Telefon. Sie hatte keine Ahnung, was genau das bedeutete. Aber PAP2 wäre wahrscheinlich besser gewesen, so aus dem Gefühl raus. Die Ärztin meinte auch, sie kennt den Professor aus der Frauenklinik, der das irgendwie weg lasern könnte. Und nein, das würde dem Baby nicht schaden. Das würde das gar nicht mitbekommen und die Fruchtblase hätte damit auch nichts zu tun. Ist ja schließlich nur am Gebärmutterhals.


Das Gebäude sieht wenig einladend aus. Aber ehrlich, wie einladend kann ein Haus auf dem Krankenhausgelände schon aussehen. Der Arzt ist sehr nett. Er sieht erfahren aus und hat was beruhigendes, väterliches. Es dauert auch nicht lange und tut auch nicht weh dieses Lasern. Sie soll sich schonen und nichts Anstrengendes machen.

Das ist nicht normal. Das fühlt sich nicht richtig an. Blut im Schlüpfer. So etwas hatte sie bei ihrem ersten Kind nicht. Hat sie jetzt eine Fehlgeburt? Doch nicht mehr im 5. Monat! Das passiert doch nur ganz am Anfang. Sie legt sich erst mal hin. Hoffentlich erreiche ich die Ärztin. Sie wird mir sagen, was zu tun ist.

Wieder dieses Gebäude. Auf der Station ist es auch nicht schöner. Alles gefliest. So kalt. Was genaues konnten die Ärzte auch nicht sagen. Es tritt Fruchtwasser aus, aus einem Riss. Nein, mit dem Lasern hat das nichts zu tun. Sie soll sich entspannen und vielleicht verschließt sich der Riss wieder von alleine.

Es ist unwahrscheinlich, dass sich der Riss wieder verschließt. Es ist 5 Tage her und da hätte schon was passieren müssen, meinte die Ärztin. Das Fruchtwasser kann man ersetzen mit einem Schlauch der direkt in die Fruchtblase führt. Sie müsse dann liegen bleiben bis zum Ende der Schwangerschaft. Keine rosige Aussicht, aber wenn es das Beste für das Baby ist, dann ist es eben so.

Hat mit Ihnen schon jemand die Risiken besprochen? Was, welche Risiken? Sie war gerade dabei, sich irgendwie damit zu arrangieren, dass sie die nächsten Monate im Krankenhaus liegen wird. Also, die Gefahr, dass Bakterien in die Fruchtblase gelangen, ist sehr groß. Das schadet dem Kind. Was genau bedeutet schaden? Die Ärztin meinte, dass es sich nicht richtig entwickeln kann. Lunge; Gehirn.

Sie schläft nicht mehr. Was bedeutet das alles? Wenn ich liegen bleibe, dann bekomme ich ein
behindertes Kind? Wie behindert? Und muss das überhaupt so sein? Noch sind doch keine Bakterien drin und vielleicht bleibt das auch so? Was wenn alles so bleibt? Sie liegt bis zur Geburt und alle passen auf, dass nichts reinkommt? Das kann doch auch funktionieren!?

Er weiß es auch nicht. Sie kann an seinem Gesicht seine Zweifel sehen und seine Angst. Er kann das nicht. Das überfordert ihn. Laut sagt er, dass es zu Hause soweit gut läuft. Die kleine Tochter ist gut bei der Oma aufgehoben und er hat angefangen, den Fußboden im Schlafzimmer zu erneuern. Er wird sie unterstützen, egal wie sie sich entscheidet. Sein Gesicht versucht zuversichtlich auszusehen. Er ist es nicht.

Sie schläft nicht. Was wenn das Kind schwerstbehindert zur Welt kommt? Wie wird sich ihr Leben verändern? Kann sie das? Ein Kind pflegen? Sie kennt niemanden, der das macht. Nur aus dem Fernsehen, so Dokumentationen. Wird er bei ihr bleiben? Kann sie dann noch arbeiten gehen? Von was werden sie leben? Er hat sich gerade selbständig gemacht. Was, wenn das nicht reicht? Kriegen sie dann Sozialhilfe? Was wird mit ihrer kleinen Tochter? Wie wird es für sie sein? Sie freut sich doch schon so auf Ihren neuen Spielgefährten.

Sie schläft nicht. Keiner spricht mit ihr. Es sei ihre Entscheidung, da dürfe ihr niemand rein reden. Sie kann nicht mehr. Bricht zusammen. Es blutet wieder.
Ich darf eigentlich nicht so mit ihnen reden. Es ist nur meine Meinung. Das was ich in ihrer
Situation tun würde. Endlich, jemand der mutig ist, denkt sie. Die Ärztin spricht von Schwerstbehinderung; geistig, körperlich. Auch von der Wahrscheinlichkeit, dass das Baby vorzeitig kommt. Vielleicht schon tot.

Sie entscheidet sich für einen Abbruch. Es ist das Beste für alle. Zustimmung und Erleichterung bei allen drumherum. Sie wusste nicht, dass sie es normal entbinden muss. In ihrer Vorstellung wurde es in Narkose geholt. Sie hätte nichts mehr gemerkt. Es muss entbunden werden. Mit Einleitung und Wehen. Er ist froh, dass sie es alleine machen will. Sie will keine Wehen spüren. Eine PDA soll helfen.

Sie wird durch den Keller gefahren. Alles ist düster und riecht modrig. Mit dem Aufzug in einen Raum. Ein Hebamme wartet schon. Sie sind allein. Nein, sie will den Sohn nicht sehen nach der Geburt. Die Vorstellung nimmt ihr die Luft. Die Hebamme sagt, er ist noch lebendig und wird bei der Geburt sterben. Das ist zu anstrengend für ihn. Nein, sie kann ihn wirklich nicht sehen, danach.

Und wieder eine Wehe. Das kann doch nicht wahr sein. Das fühlt sich doch genauso an wie bei Ihrer ersten Geburt. Was soll das? Es war ausgemacht, dass sie nichts merken würde. Irgendetwas hat bei der PDA nicht geklappt. Nein, dass kann man jetzt nicht korrigieren.

Es tut so weh. Überall. Sie kann nicht aufhören zu weinen. Wie viel Zeit ist vergangen? Sie weiß es nicht. Die Hebamme streichelt ihre Wange. Sie sollten ihn sich ansehen. Es ist wichtig für den Abschied und die Trauer. Es hilft Ihnen.

Er sieht nicht behindert aus. Es ist alles dran und auch schon irgendwie fertig. Wie ein richtiger Mensch eben. So klein. Er sieht nicht behindert aus. Ihr zerreißt es das Herz. Er sieht nicht behindert aus! Was habe ich getan!?

Sie geht langsam mit Ihren Einkäufen nach oben. Es soll leichter werden mit der Zeit, hat man ihr gesagt. Sie soll viel spazieren gehen, frische Luft täte gut und Beschäftigung. Er hat den Fußboden fertig gemacht im Schlafzimmer. Sie muss die Kleine aus dem Kindergarten abholen. Es wird bestimmt leichter werden mit der Zeit.

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