Wie mich dieser Satz oder seine Geschwistersätze: „Sei doch nicht so empfindlich!“ und „Du bist aber auch ne Mimose!“ verzweifeln ließen! Die ersten 30 Jahre meines Lebens habe ich versucht rauszubekommen, wie das denn gehen soll und vor allem, wie das die Anderen schaffen. Offensichtlich war ich besonders dämlich, da der Großteil meiner Umgebung nämlich keine Probleme hatte, „Dinge“ auszublenden. Ich dagegen war dauererschöpft und wusste noch nicht einmal, was meinen Körper monatlich für eine Woche ins Bett zwang. Nicht belastbar! Nicht zuverlässig! Diese Bewertungen machten es nicht besser. Ich versuchte mich zusammen zu reißen und krachte meinen Alltag und auch die Wochenenden mit Verpflichtungen und Versprechungen voll. Das ganze ging 3 Wochen gut und klar, dann ging’s wieder völlig taub für eine Woche ins Bett. Ein Teufelskreis, jahrelang. Man muss kein Experte sein um zu wissen, dass das nicht unendlich lang funktionieren kann. Für mich war mit 35 Schluss. Zu diesem Zeitpunkt war ich stark nikotinabhängig und trank ordentlich was weg, obwohl ich´s überhaupt nicht vertrug. Rückblickend war ich komplett taub in meiner Wahrnehmung und beim Fühlen. Aber dort mit 35 funktionierte ich irgendwie. Ich war nicht besonders zufrieden, glücklich sowieso nicht, aber auch nicht traurig oder unglücklich. Meine Post interessierte mich nicht, andere Menschen auch nicht. Ich war einfach nur fertig und irgendwie froh, wenn ich schnell ins Bett gehen konnte. Es fühlte sich nach Nichts an. Keine Ahnung wie lange dieser Zustand noch „geklappt“ hätte, aber eine Freundin bemerkte wohl bei einem Telefonat mit mir, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Sie informierte meine Mutter und die wiederum schaffte es, dass ich mich mit einer Psychologin unterhielt. Ich fand das völlig unnötig, schließlich war ich nicht verrückt, hatte keine Probleme und wusste nicht, worüber ich mich unterhalten sollte. Heute sage ich DANKE! Ich hing in einer fetten Depression und war völlig ausgebrannt. Mir wurde geholfen.

Dinge nicht an mich ranzulassen, konnte ich aber immer noch nicht…

Es brauchte noch zwei Jahre ungefähr, bis ich auf das Thema Hochsensibilität stieß. Es war eine Offenbarung! Da gab es tatsächlich noch andere Menschen, die genauso dämlich waren wie ich! Auch sie konnten nichts von sich abprallen lassen und waren Mimosen und so empfindlich! Was für ein Segen. Ich bin nicht allein. Ich verschlang alles an Lektüre dazu, was ich finden konnte. Das Thema Hochsensible Personen (HSP) wird seit Anfang der Neunziger erforscht und erklärt, dass ca 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung HSP ler sind. Die „Filter“ dieser Menschen sind „defekt“, sodass Informationen direkt reingehen. Das ist jetzt ziemlich platt formuliert, aber wen es interessiert, der findet Details toll ausgearbeitet im Netz.

Mein Problem war, dass ich gar keine Wahl hatte, wie die Anderen. Ich konnte nicht entscheiden, etwas nicht an mich ranzulassen, sondern es ging einfach „ungefiltert“ rein. Geräusche, Stimmungen, Gerüche, Gespräche, Gefühle…ALLES. Durch meine Arbeit im Kundencenter einer Krankenkasse in einem Großraumbüro mit Kundschaft war logischerweise mein System permanent überfordert. Meine Bettwoche war überlebensnotwendig um mein System halbwegs wieder frei zu kriegen. Es machte auf einmal alles Sinn.

Jetzt wo klar war, dass die gut gemeinten Sätze von oben nicht auf mich zutrafen, konnte ich an dem arbeiten, worauf ich tatsächlich einen Einfluss hatte; Wie kriege ich mein System schnell wieder leer und was kann ich tun, dass es erst gar nicht so voll wird!?

Mein Leben hat sich seit dem grundlegend geändert. Nicht sofort, sondern Schritt für Schritt. Ich habe meine eigene Checkliste erarbeitet, an der ich abmessen kann, wie mein „Füllstand“ ist. Ich habe Strategien zur Selbsthilfe erarbeitet, wenn ich’s mal übertrieben habe und ich weiß jetzt, was ich brauche um „belastbar“ und „zuverlässig“ zu sein.

Ich habe lange diese Hochsensibilität als Strafe empfunden, wollte ich doch so gerne genauso sein wie die „Anderen“. Auch das hat sich geändert und wie sich dieser Fluch in einen wunderbaren Segen für mich gewandelt hat, erzähle ich im nächsten Artikel!

Von Herzen

Eure Grit

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