Ein herbstliches Hallöchen in die Runde und für die unter Euch mit Rotznase und Hals: Gute Besserung!

Mut wird immer belohnt. Das stimmt. Doch das zwischen dem Muthaben und dem Belohnen eine fette Zeit von Angsthaben und Zweifeln liegt, war mir in dem vollen Umfang nicht bewusst.

Dieses Gefühl, nach Jahren des regelmässigen Geldeinganges zu einem bestimmten Termin, zu realisieren, dass ich mit meinen Händen ganz allein dafür verantwortlich bin, wann und wieviel Geld ich auf dem Konto habe, war so beeindruckend. Dieses Direkte, von Leistung erbringen und bezahlt werden, war völlig neu. Als Angestellte war das für mich ziemlich schwammig. Eine festgelegte nicht direkt abrechenbare Aufgabe wird für einen Monat vergütet. Schön. War ich krank, oder im Urlaub oder hatte keine große Lust, gab es keine Auswirkungen auf meine finanzielle Situation. Ja wir wissen das alle, aber das Erfahren und Erleben dazu ist was völlig anderes. Ich hatte grossen Respekt vor dieser neuen Situation.

War am Anfang der Terminkalender nicht gleich für zwei Wochen gefüllt, stieg Panik auf. Konnte ich die Miete für die Praxis bezahlen oder meine Krankenkassenbeiträge?! Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich mich ein bisschen entspannen konnte und ein kleines Pufferchen für Krankheit oder Urlaub beiseite gelegt hatte. Mein Konsumverhalten hatte sich radikal geändert und die Erfahrung, meinen Freund um Tampongeld zu bitten war hart aber wichtig.

Dieses Gefühl der kompletten Eigenverantwortung hatte auch wieder zwei Seiten. Die eine Seite war die Angst, das verlustige Sicherheitsgefühl; die andere Seite war Freiheit. Ich bestimmte meine Arbeitszeit, meine Art zu Arbeiten, mein Pensum, sogar mit welchen Leuten ich arbeitete. Es war und ist aufregend, sich immer wieder neu aufzustellen, den Arbeitsalltag zu hinterfragen und sich neuen Dingen zu öffnen.

Für die zeitliche Einordnung, ab Oktober 2018 war ich ohne Anstellung. Wann gingen die Berufsverbote wegen Corona los?!… Ich hatte also ca 1,5 Jahre, um mich in meiner neuen Situation zurecht zu finden. Dann hieß es, du darfst dir dein Geld nicht mehr verdienen. Alles aufgebaute Vertrauen bekam einen sehr heftigen Schlag und meine Existenzängste machten mich fertig. Meine Rücklagen konnten ein bisschen was abfangen, aber niemand wusste zu der Zeit, wie lange wir in dieser Situation verharren mussten. Es war einfach schlimm.

Gleichzeitig war es wieder ein riesiger Schritt in meine persönliche Freiheit. Wie kann das sein?

Dieser Satz: „Du bist nicht systemrelevant mit deiner Arbeit.“ ging natürlich ans Eingemachte. Ich fühlte mich wert-und nutzlos. Und dass ich auch nicht finanziell für mich mit meiner Arbeit sorgen durfte, machte mich erst so wütend und später dann hilflos und ohnmächtig. Zwei der heftigsten Gefühle meiner Erfahrung nach. Ich fing an mir Fragen zu stellen. Denke ich von Menschen, die generell nicht arbeiten können, aus Gründen, dass sie wertlos sind oder nutzlos? Nein. Warum denke ich das von mir? Bin ich nur was wert, wenn ich was leiste? Wie sehr definiere ich mich selber über die Anerkennung meiner Arbeit? Geht es hier überhaupt ums „Überleben“ in Sinne von Geld verdienen oder geht es hauptsächlich um das Überleben meines Egos?!

Ich hatte ja genügend Zeit darüber nachzusinnen und zu fühlen. Aus dieser Situation bin ich mit neuer Klarheit gekommen.

Wenn es darum geht, die Praxismiete zu verdienen, dann geh in den Einzelhandel oder putzen oder was auch immer dafür nötig ist. Die Anerkennung durch meine Arbeit ist schön, aber nicht so wichtig wie ich dachte. Ich bin ersetzbar und das ist gut so. Diese Zeit war eine knallharte Lektion in Sachen Demut und Gelassenheit.

Meine Tüte Gummibärchen ist alle, wie meine Zeilen heute.

Nächsten Freitag ziehe ich mit Euch um, in eine wunderschöne Altbauwohnung von 127 qm, die wir fluchtartig nach 12 Monaten wieder verlassen haben…

Laut Wetterbericht am Wochenende bleiben wir direkt alle im Bett. Habt’s dort oder woanders huschlig und fühlt euch gegrüßt.

Eure Grit

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meine ersten Visitenkarten Fotos
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