Liebste Menschen,

ich hätte gerne Herbst bitte, jetzt, sofort! Also falls sich hier jemand dafür verantwortlich fühlt oder Drähte nach woauchimmerhin hat, ich habe meinen Wunsch deutlich formuliert.

Danke.

In meinem Praxisalltag begegnen mir immer wieder Frauen, die nicht in der Lage sind, eigene Bedürfnisse und oder eigene Grenzen zu benennen. Die Bedürfnisse des Partners, der Kinder, des Nachbarn, dessen Hundes und die der Arbeitskollegen können penibel genau aufgelistet werden. Auf die Frage: „ Und was brauchst du, damit es dir gut geht?“ kommt nach einem langen „Hmmmmmmm“ erstmal nichts.

Man könnte ihnen falsche Bescheidenheit oder Demut unterstellen, aber nein, es ist, fast hätte ich schlimmer geschrieben…

Da ist wirklich nichts. Die Vorstellung eigene Bedürfnisse zu haben, diese zu formulieren und dann vielleicht auch noch laut auszusprechen, existiert einfach nicht. Oder wenn es womöglich doch Kenntnis darüber gibt, was gebraucht wird, wird das ganz schnell als egoistisch, selbstsüchtig und schwach bewertet.

Diese Frauen ( von Männern weiss ich es nicht) finden wir sehr oft in sogenannten „ Kümmer-Berufen“. Meiner Meinung nach leben unser komplettes Pflegesystem oder die Einrichtungen der Behindertenhilfe fast nur noch von diesen Menschen.
Blöderweise ist das sogenannte Helfersyndrom irgendwie als was Erstrebenswertes in unserer Gesellschaft etabliert und die Frauen freuen sich noch drüber, wie sie gnadenlos manipuliert werden können.
Richtig großer Mist, finde ich.

Wie kommt man zu so einem Helfersyndrom?
In „meinen“ Fällen, gab es in der Kindheit oft einen unbewussten Rollentausch zwischen Kind und Elternteil. Weil der Erwachsene durch eigene große Probleme ( z.Bs. Alkoholismus, psychische Erkrankungen) nicht in der Lage war für Stabilität und Sicherheit zu sorgen, hat diese Aufgabe unbewusst das Kind übernommen und sich gekümmert. Eine völlig überfordernde Verantwortung lag nun auf ganz kleinen Schultern. Es gab keine Wahl; entweder man hat sich um den völlig besoffenen Elternteil gekümmert oder der/ diejenige wäre an der eigenen Kotze erstickt und das Kind wäre alleine.
Wie man sich vorstellen kann, gab es keinen Raum für eigene Bedürfnisse, Ruhe oder Sicherheit. Die Belastungsgrenze wurde ganz weit nach oben geschoben, ein „ich kann nicht mehr“ gab es logischerweise nicht.
Für dieses Kümmern gab es vielleicht sogar Lob und Dankbarkeit, sodass das „Für-alle-Verantwortung-Übernehmen“ auch noch positiv belegt ist.

Das heisst ganz praktisch: Einem Menschen mit Helfersyndrom geht es erst richtig „gut“, wenn er über seine Grenzen hinaus leisten „darf“. Gejammert wird, wenn überhaupt, nur pro forma, aber ehrlicherweise fühlen sich diese Frauen erst richtig wertvoll und gesehen, wenn der Rücken schon völlig fertig ist und man mindestens Arbeit für 3 erledigt hat.
Passt doch prima in unser „Care-System“.

Es muss also ganz dicke kommen, um diese Frauen aus dem Rennen zu nehmen.
Das ist Scheiße.

Es berührt mich tief, wenn Frauen anfangen ihr Verhalten in Frage zustellen. Wieviel Energie in Form von Emotionen freigesetzt wird, wenn sie begreifen wie schädlich diese frühe Rollenverkehrung für sie war und ist und wie zaghaft mutig sie anfangen ihre Bedürfnisse zu erkunden und sachte auf ein Blatt Papier schreiben.
Ich brauche…
Mir geht es gut, wenn…
Es macht mich glücklich, wenn…

Es sind die ersten Schritte in Richtung Selbstfürsorge.

Gesellschaftlich gesehen könnte es echt spannend werden, wenn es keine „Helfersyndrome“ mehr gibt in unserem System. Einiges könnte direkt zusammenbrechen. Ich würde es begrüßen, denn dann kann endlich etwas wirklich Neues entstehen.

Ihr lieben Zuckermäuschen, ich gehe morgen den Geburtstag meiner lieben Mutsch feiern und mal wieder nach Jahren zum Bowling. Mal gucken, ob ich was umhaue!?
Ich hoffe, Ihr macht´s Euch auch hübsch.

Dickes Drückerchen und bis bald

Eure Grit

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